Wasser-Wissen-Newsletter
Nr. 163

(03.03.2006)

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

diese Woche einen kurzen Newsletter, der einen Artikel zu unserem Trinkwasser aus einer anderen Sicht, als der der Werbung, aufzeigt.

 

Wieviel Zuviel ist noch wenig genug?

Freitag ,03.03.2006; von H.H. Dieter

Qualität aus der Mineralwasserflasche? Das ästhetische Konzept von Reinheit erfüllt sich erst im Wasserkreislauf ... Der weltweite Konsum in Flaschen abgepackten Wassers ist auch in Europa weiter auf dem Höhenflug, wie kürzlich das Earth Policy Institute (Institut für Erdpolitik) meldete. Kein Wunder, möchte man meinen, sehen sich viele Menschen angesichts der Arzneimittelfunde an unterschiedlichen Stellen des Wasserkreislaufs doch vor die Frage gestellt, ob ihr tägliches Trinkwasser überhaupt noch genießbar sei. Ist es nicht eklig, sich morgens mit Wasser die Zähne zu putzen, das Spuren der Pillen des Nachbars enthält, die er zur Senkung seines Blutfettgehaltes eingenommen und danach auf natürliche Weise entsorgt hat? Muss ich unbedingt Spuren eines Röntgenkontrastmittels aus dem Abwasser des Kreiskrankenhauses von nebenan in mich aufnehmen - selbst wenn sie gesundheitlich unbedenklich sind ? ...

Belastungsminimierung oder Null-Toleranz?

.. Vergleichsmaßstab zur Feststellung ekelerregender Eigenschaften ist die allgemeine Auffassung, der zufolge Trinkwasser appetitlich zu sein hat und zum Genuss anregen soll. Doch welcher Kontaminationsgrad eines Trinkwassers, selbst weit unterhalb gesundheitlich begründbarer Konzentrationen, wäre denn gegebenenfalls nicht mehr verkehrs- respektive verzehrfähig?

.. Wäre denn die ästhetisch motivierte Forderung nach absoluter "Null- Toleranz" wirklich eine Alternative? Muss unsere Erwartung an die Reinheit von Trinkwasser wirklich immer intoleranter werden und sich dadurch zur Gefangenen der chemischen Analytik machen? Spätestens, wenn absolute "Reinheit" mit dem wasserwirtschaftlich sinnvollen Kreislaufprinzip in Konflikt geriete, würde sie sich ad absurdum führen.

.. Einer sozialpsychologischen Studie zufolge (Independent vom 17. 1. 2005) gilt Wasser in persönlichen Mitnahmepackungen geradezu als natürliches Gegengift und Hort der Reinheit gegen die chemischen und technischen Zumutungen der modernen Welt. Wassergefüllte Plastikflaschen sind deshalb mittlerweile so allgegenwärtig wie Handys. Beide stehen, so die Studie, für den trügerischen Glauben an die individuelle Beherrschbarkeit des modernen Lebens. Der letzte Modeschrei verlangt gar, das abgepackte Wasser zu einer Art bewusstseinserweiterndem Aquazeutikum aufzupeppen. Wer darauf baut, ist bereit, für kaum einen Liter fast jeden Preis aufzuwenden. Die preisgünstige und ökologisch stimmige (Bewusstseins) Steigerung von "Trink was" zu "Trinkwasser" gerät darüber aus dem Bewusstsein.

.. Wir wissen heute, dass dieser enge Rund-Blick beschränkt ist. Individuelle Bedenken um Hygiene und Ästhetik der privaten Umwelt werden nicht mehr bedenkenlos in die Umwelt entsorgt, sondern in der Kläranlage geklärt. Hierfür gibt es längst fortgeschrittene Techniken, die allerdings von der Zahlungsbereitschaft der Konsumenten abhängen und nicht immer der "Null-Toleranz" genügen können. Der Drang zum Konsum ultra-reiner "Privatwässer" hält wohl auch deshalb ungebremst an. Die Steigerung von "Trink was" zum zentral bereitgestellten "Trinkwasser" ist seit Jahren in der Defensive. Einmalige Wasserressourcen werden privatisiert, auf Flaschen gezogen und weltweit zu horrenden Preisen angeboten. Die an Ort und Stelle Bedürftigsten können sie nicht einmal bezahlen. Der Transport der Kostbarkeit über zum Teil immense Entfernungen verschlingt Energie, und Einwegflaschen lassen die Müllhalden wachsen. Demgegenüber ist die zentrale Versorgung der Bevölkerung mit Trinkwasser fast schon praktizierte Sozialethik. Jedenfalls ist sie "nachhaltig" und rundum "gesellschaftsfähig". Im Vergleich zur zentralen Trinkwasserversorgung sind weder die alte, gesellschaftlich sorglose Verschmutzungstoleranz, noch die neue, hedonistisch-besorgte und puristisch überzogene Intoleranz sozialethisch oder ökologisch belastbar. Wasserwirtschaftlich sind beide Haltungen sogar blödsinnig, weil sie dem Kreislaufprinzip widersprechen.

.. So fügt die technische Nutzung der natürlichen Gesetzmäßigkeiten die wirtschaftliche, ökologische und sozialethische Sicht auf das tägliche Wasser auf das Schönste zusammen. Abwasser wird zum wertvollen Wirtschaftsgut. Dies kommt langfristig sowohl der Reinheit des Trinkwassers als auch dem nachhaltigen Schutz der aquatischen Umwelt zugute: Das geklärte (Ab)Wasser ist innerhalb regionaler Kreisläufe zurückzuholen und immer wieder zu nutzen, statt nach und nach alle Berg- und sonstigen Seen leer laufen zu lassen, zu verschmutzen oder mit Nitrat und Phosphat zu überfüttern.

.. Das so skizzierte ganzheitliche, das heißt wasserwirtschaftlich- gesundheitlich-ästhetische Konzept setzt allerdings eine gewisse Kompromissbereitschaft hinsichtlich überzogener puristischer Erwartungen an die Reinheit des Lebensmittels "Trinkwasser" voraus. Ein individualistisch- hedonistischer Anspruch auf Ur-sprünglichkeit und absolute Reinheit des täglichen Trinkwassers hat in ihm keinen Platz.

Von Herrn Dr. Hermann H. Dieter, Biochemiker/Toxikologe und Trinkwasserhygieniker, Direktor und Professor am Umweltbundesamt Dessau, Standort Berlin.

http://www.freitag.de/2006/09/06091801.php 

 

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Mit freundlichen Grüßen

Ihr Wasser-Wissen-Team